Die Co-Regulation als Grundlage früher

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Eine Gruppe von Kita-Kindern sitzt auf bunten Gymnastikmatten und macht gemeinsam Dehnübungen.

Es ist Montagmorgen in der Krippe der 2- bis 3-Jährigen. Zwei Kinder entdecken den Trecker auf dem Teppich und greifen danach, halten ihn fest und ziehen daran. Da die sprachlichen Möglichkeiten noch begrenzt sind, spitzt sich die Situation zu. Plötzlich beißt das eine Kind, da es keinen anderen Ausweg mehr weiß und unbedingt das Spielzeug haben möchte …

Krippenkinder sind in Konfliktsituationen häufig hilflos und kommen an die Grenzen ihrer eigenen Ressourcen und Möglichkeiten. Infolgedessen greifen sie zu grenzüberschreitendem Verhalten wie Schubsen, Kneifen, Hauen und Beißen. In solchen Situationen spielt die Co-Regulation als zentrale Grundlage emotionaler Entwicklung von Krippenkindern eine große Rolle.

Die Co-Regulation beschreibt die Emotionsregulierung des Kindes durch die Unterstützung einer Bezugsperson. Babys kommen mit einem noch nicht fertig ausgebildeten autonomen Nervensystem zur Welt. Im Laufe der Entwicklung kann das autonome Nervensystem von der Co-Regulation in die Selbstregulation übergehen. Man unterscheidet zwischen bewusster und unbewusster Co-Regulation. Bei der bewussten Co-Regulation werden die Emotionen des Kindes erkannt und benannt, und die Bezugsperson bietet körperliche Nähe an, indem sie zum Beispiel tröstet. Bei der unbewussten Co-Regulation geht es um den körperlichen Ausdruck der Bezugsperson, zum Beispiel die Körperhaltung und die Mimik. Wenn die Bezugsperson Stress empfindet, wird dieser nach außen getragen. Infolgedessen werden die Stresssysteme des Kindes aktiviert, und das Kind empfindet auch Stress. Co-Regulation kann also auch negativ sein.

Für den Krippenalltag der 2- bis 3-Jährigen wurden daher konkrete pädagogische Strategien und Angebote zur Förderung der Selbstregulation entwickelt.

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Gefühlskarten mit verschiedenen Emotionen

Kinder-Yoga, Gefühlskarten und Kamishibai

Dazu gehörte Kinder-Yoga, da Kinder durch die Entspannungstechniken lernen, Stress abzubauen, und die Übungen im Alltag jederzeit anwenden können. Sie bieten einen Ausgleich zum oft bewegungsarmen oder reizüberfluteten Alltag. Die Übungen wurden bildlich auf einem Plakat aufgeklebt und sichtbar aufgehängt, damit die Kinder sie selbst erkennen und nachmachen konnten.

Außerdem wurden Gefühlskarten mit verschiedenen Emotionen erstellt. Die abgebildeten Gefühle wurden mit den Kindern besprochen, wobei die Kinder einen Zusammenhang mit ihrer eigenen Lebenswelt hergestellt und Beispiele genannt haben, wann man sich ängstlich oder traurig fühlt. Anschließend konnten sie selbst erzählen oder anhand der Karten zeigen, wie sie sich gerade fühlen. Dieses Angebot wurde mit den 3-Jährigen durchgeführt.

Ein weiteres Angebot war eine Kamishibai-Geschichte. Ein Kamishibai ist ein „Papiertheater“, das aus einem Holzrahmen mit Flügeltüren besteht. In den Rahmen werden Bildkarten oder Bilder einer Geschichte eingelegt. Während die Geschichte erzählt wird, können alle Kinder die Bilder gut sehen und der Handlung leichter folgen.

Bei der Geschichte handelte es sich um eine Ziege und eine Gans, die eigentlich beste Freunde sind. Sie hören aber einander nicht zu, machen sich über ihre gemalten Bilder lustig und nehmen sich gegenseitig ihre Spielzeuge weg. In der Geschichte wird auch gebissen. Die Kinder sind auf die Emotionen der Ziege eingegangen und haben selbst erkannt, dass man nicht beißen darf. Am Ende vertragen sich die Ziege und die Gans wieder.

Die Geschichte sollte den Kindern zum einen ein Verhalten aufzeigen, das nicht erwünscht ist. Zum anderen sollte die Geschichte verdeutlichen, dass man sich nach einem Streit auch wieder vertragen und zusammen spielen kann. In der Krippengruppe gab es Kinder, die oft gebissen wurden und aufgrund dessen Angst hatten und nicht mehr in die Krippe kommen wollten.

Anschließend gestalteten die Kinder zu der Geschichte eine narrative Wand mit Bildern. Mithilfe dieser Bilder erzählten sie die Handlung anschließend in verkürzter Form noch einmal. In den folgenden Tagen standen die Kinder immer wieder vor dem Plakat, schauten sich an und gingen auf die Emotionen und das Beißen ein.

Die Co-Regulation bei Krippenkindern stellt eine essenzielle Entwicklungsgrundlage dar und ist ein zentraler Bestandteil pädagogischer Arbeit. Pädagogische Fachkräfte unterstützen die Kinder dabei, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zunehmend selbstständig zu regulieren. Langfristig erwerben die Kinder auf diese Weise emotionale Kompetenzen, die es ihnen ermöglichen, angemessen mit ihren Gefühlen umzugehen.

Wenn Gefühle überkochen

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Ein Mädchen schreit wütend im Supermarkt und hält sich am Einkaufswagen fest.

Emotionale Ausbrüche bei Kindern verstehen und begleiten

Wutanfälle im Supermarkt, Tränen wegen eines falschen Bechers oder ein Kind, das nach einem verlorenen Spiel verzweifelt aufgibt: Emotionale Ausbrüche gehören zum Alltag mit Kindern. Für Erwachsene wirken diese Situationen manchmal übertrieben oder unverständlich. Für Kinder jedoch sind die Gefühle in diesen Momenten sehr real – und oft überwältigend. Mit starken Emotionen umzugehen und diese zu kontrollieren, lernen wir im Laufe unseres Lebens, und doch kann es uns in jeder Phase passieren, dass eine Emotion uns überschwemmt und wir viel Energie aufbringen müssen, um damit zurechtzukommen.

Gefühle lernen – Schritt für Schritt

Kinder sind soziale Wesen. Aber keine fertigen Experten. Sie müssen den Umgang mit sich selbst, mit anderen und mit ihrer Umgebung lernen. Zum Aufwachsen gehört auch dazu, zu lernen, Emotionen selbst zu regulieren. Diese Fähigkeit entwickelt sich langsam und hängt eng mit der Reifung des Gehirns und mit sozialen Erfahrungen zusammen.

1–3 Jahre: Gefühle sind unmittelbar

Kleinkinder erleben Gefühle sehr intensiv und unmittelbar. Sie können sie noch nicht einordnen oder steuern. Frustration, Müdigkeit oder Überforderung entladen sich daher oft direkt – in Schreien, Weinen oder Wut. Typische Auslöser sind:

  • Frustration („Ich kann das nicht!“)
  • Übergänge (z. B. Spiel beenden, schlafen gehen)
  • Überreizung oder Müdigkeit
  • das Bedürfnis nach Autonomie („Ich alleine!“)

In diesem Alter brauchen Kinder einfühlsame Erwachsene, welche die Entwicklungsphase, in der die Kinder stecken, verstehen und die Kinder nicht überfordern. Es nützt nichts, auf das Kind einzureden und von ihm zu verlangen, sich zu beruhigen. Besser ist es, die Situation mit Geduld und Verständnis zu begleiten:

  • ruhig bleiben und Nähe anbieten
  • Gefühle benennen („Du bist gerade sehr wütend.“)
  • einfache Alternativen anbieten
  • klare, liebevolle Grenzen setzen

3–6 Jahre: Gefühle ausdrücken lernen

Im Kindergartenalter entwickeln Kinder ihre Sprache und ihre sozialen Fähigkeiten. Sie können Gefühle benennen und beginnen zu verstehen, dass auch andere Menschen Gefühle haben. Dennoch geraten sie weiterhin schnell in emotionale Überforderung. Besonders häufig entstehen Ausbrüche durch:

  • Konflikte mit anderen Kindern
  • das Gefühl von Ungerechtigkeit
  • starke Enttäuschungen
  • Überforderung in sozialen Situationen

Kinder testen in dieser Phase auch Grenzen – nicht aus Trotz, sondern um die Welt und ihre Regeln zu verstehen. Hier hilft es:

  • gemeinsam über Gefühle zu sprechen
  • einfache Strategien zu üben (tief atmen, bis 10 zählen, aus der Situation herausgehen)
  • Konflikte zu begleiten, Kinder an der Lösung zu beteiligen
  • dem Kind zu zeigen: Gefühle sind erlaubt, verletzendes Verhalten nicht

6–10 Jahre: Selbstregulation wächst

Im Grundschulalter entwickelt sich die Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Kinder können Bedürfnisse besser aufschieben, beginnen ihre Gefühle zu reflektieren und lernen, diese sprachlich auszudrücken. Trotzdem können emotionale Ausbrüche weiterhin auftreten – besonders bei:

  • Leistungsdruck oder Versagensängsten
  • sozialen Konflikten
  • Veränderungen oder Unsicherheit
  • Überforderung

In diesem Alter ist es wichtig, sich die Zeit zu nehmen, mit Kindern über Alltagssituationen zu reflektieren. Reflektierende Gespräche stärken die Selbstwahrnehmung und führen zu Erkenntnissen über sich selbst und andere. Sie helfen auch zu verstehen, dass Fehler und Frustration zum Leben gehören. Das Kind versteht sich als Teil der Familie oder der Klasse. Deshalb ist es wichtig, diese Zugehörigkeit in emotionalen Krisen nicht anzuzweifeln oder gar zu stören. Besser ist es:

  • das Kind ernst zu nehmen und zuzuhören
  • gemeinsam Lösungen zu entwickeln
  • Strategien zur Selbstregulation zu stärken
  • Vorbild zu sein im Umgang mit eigenen Emotionen
  • Zugehörigkeit und soziale Beziehung zu fördern

Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen vor allem im Zusammensein mit anderen Menschen. Sie beobachten deren Verhalten und lernen, es einzuordnen. Sie verstehen sich als Teil der Familie oder der Kindergruppe, verstehen mehr und mehr, dass die sie umgebenden Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und Vorlieben haben. Sie lernen, was es bedeutet, sich gegenseitig zu helfen und die Fähigkeiten anderer Menschen anzuerkennen. Schon im Kindergartenalter testen die Kinder die Reaktionen anderer Menschen und lernen zu verstehen, dass verschiedene Verhaltensweisen unterschiedliche Reaktionen bei unterschiedlichen Menschen auslösen. Für diesen wichtigen Entwicklungsschritt brauchen die Kinder schon früh das Zusammensein mit einer möglichst unterschiedlichen Gruppe von Gleichaltrigen. Der tägliche Aufenthalt im Kindergarten in der gewohnten Kindergruppe ist ein ideales Trainingsfeld, um sich selbst und andere Menschen verstehen zu lernen. Kinder üben sich darin, die eigenen Gefühle und Verhaltensimpulse zu kontrollieren, und versuchen, dies auf die Regulation des Gruppenverhaltens zu übertragen.

Diese Entwicklungsaufgaben sind nicht nur eine Herausforderung für die Kinder, sie fordern auch Wissen, Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen von den Erwachsenen. Wenn Erwachsene ruhig bleiben, Gefühle ernst nehmen und gleichzeitig Orientierung geben, erleben Kinder, dass Emotionen zwar stark sein können – aber nicht die Kontrolle übernehmen müssen. Ein Kind, das in schwierigen Momenten begleitet wird, entwickelt nach und nach die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren.

Die emotionalen Ausbrüche des Vorschulalters können als Entwicklungsanzeichen verstanden werden. Auch wenn sie im Alltag herausfordernd sein können: Emotionale Ausbrüche sind ein wichtiger Teil der kindlichen Entwicklung.

Überforderung vermeiden

Erwachsenen fällt es häufig schwer, die Kinder als das zu sehen, was sie sind: junge Menschen in ihrer Entwicklung. Sie gehören zu uns, zur Familie, zu unserer Kindergruppe, wir sind im Alltagsleben so eng mit ihnen verbunden, dass wir manchmal vergessen, dass der kleine Mensch, mit dem wir zusammenleben, vieles noch lernen muss.

Es ist wichtig, dass Eltern und Pädagogen sich mit den Entwicklungsaufgaben der Kinder beschäftigen, sich darin üben, die Entwicklungsschritte der Kinder zu beobachten und einzuordnen.

Ein zweijähriges Kind ist nicht in der Lage zu verstehen, warum die Mama gestresst ist und warum das Einkaufen schnell gehen muss. Die Stressreaktionen der Mutter irritieren und überfordern das Kind und können zu emotionalen Reaktionen des Kindes führen, die für das gestresste Elternteil eine zusätzliche Herausforderung sind.

Im Laufe der kindlichen Entwicklung kommt es durchaus zu seltsamen Verhaltensweisen der Kinder, die wir Erwachsene nicht immer einordnen können. Manche Zweijährige zum Beispiel sind so fasziniert von Haushaltsgegenständen, dass sie ohne das Küchensieb oder die Klobürste nicht aus dem Haus gehen können. Wir Erwachsene sollten dies tolerieren, denn Haushaltsgegenstände gehören zu den bevorzugten Untersuchungsgegenständen von Kindern in der Phase der Sprachentwicklung. Die Kinder versuchen, den Sinn der Dinge zu verstehen, die sie so oft in unseren Händen sehen. Dazu müssen sie die Möglichkeit haben, die Dinge selbst in den Händen zu halten und mit ihnen zu hantieren.

Die im zweiten Lebensjahr für Erwachsene so anstrengenden Ausrufe „Allein!“ sind Anzeichen eines wichtigen Entwicklungssprungs. Das Kind erlebt eine Phase der Autonomie, die es, wo es nur geht, ausprobieren und verstärken muss. Kluge Eltern lassen die Kinder allein die Tür öffnen, Dinge selbständig in den Einkaufswagen legen und sorgen dafür, dass der spezielle Becher zu den Mahlzeiten verfügbar ist.

Die Phase der Autonomie wird vom sogenannten Bockalter begleitet. Das, was unsere Großeltern Bockalter nannten, ist ein Zeichen dafür, dass das Kind in der Entwicklung seiner Fähigkeiten und seiner Selbstständigkeit so weit fortgeschritten ist, dass es an Grenzen stößt und damit nicht umgehen kann. Der kleine Mensch hat in den ersten beiden Lebensjahren erfahren, dass die Welt sich ihm erschließt. Wie von selbst hat das Kind laufen und sprechen gelernt. Plötzlich wird die Welt widerständig. Die Zeit des Übens hat begonnen. Das Kind lernt, Türme zu bauen, den Löffel zum Mund zu führen, aus dem Becher zu trinken, indem es sich von Fehlversuchen nicht entmutigen lässt.

Für die Erwachsenen bedeutet dies, die Frustrationsmomente vorherzusehen und entsprechende Hilfestellungen anzubieten. Das ist manchmal nicht so einfach, ganz besonders, wenn das „Allein-Alter“ eingesetzt hat.

Vorschulkinder und junge Schulkinder können noch nicht verlieren. Sie sind trotzdem richtige und sozial kompetente Mitglieder unserer sozialen Gemeinschaft, sei es nun der Familie oder der Kindergruppe. Ein Sechsjähriger, der wütend das Spielbrett des vom Vater heiß geliebten Mensch-ärgere-Dich-Nicht-Spiels vom Tisch fegt, hat sein Selbstwertgefühl noch nicht ausreichend trainiert. Das ist in diesem Alter völlig normal. Wenn das Kind damit noch nicht umgehen kann, dass es nicht seine Leistung ist, ob der Würfel eine Sechs anzeigt, sondern die Zahl auf dem Würfel zufällig entsteht und somit auch das Verlieren nicht von seinen Fähigkeiten abhängt, sollte man Spiele wählen, in denen es nicht um Verlieren oder Gewinnen geht.

Die emotionalen Ausbrüche der Kinder sind Reaktionen auf eine widerspenstige Umwelt, aber auch auf Situationen, die wir Erwachsene unachtsam herbeiführen. Mit beidem können die Kinder gut umgehen. Es ist trotzdem ratsam, die Kinder an diesen Entwicklungspunkten nicht zu stark herauszufordern.

Wut als Entwicklungschance

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Ein Kind in orangefarbenem Pullover presst sich schreiend zwei Sofakissen an die Ohren.

Wie Kinder sozio-emotionale Kompetenz entwickeln

Wahrscheinlich haben die meisten Eltern ihr Kind schon einmal mitten in einem Wutausbruch erlebt – und sich dabei hilflos gefühlt. Verena Friederike Hasel erklärt, warum Wut eine wichtige Emotion in der kindlichen Entwicklung ist. Mit anschaulichen Alltagstipps zeigt sie, wie Eltern ihre Kinder auf dem Weg von unkontrollierter Wut hin zu sozial-emotionaler Kompetenz einfühlsam begleiten können.

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Porträtfoto von Verena Friederike Hasel.
Verena Friederike Hasel, Autorin und Journalistin

BANANENBLAU: Was müssen Eltern über die Emotion Wut wissen?

Wut macht vielen Eltern Angst. Oft will man Wut auf Seiten von Kindern vermeiden. Ich finde es wichtig, die vitale Seite von Wut zu sehen. Wut mobilisiert, richtet ein Kind auf, hilft ihm, sich abzugrenzen. Wut gehört damit zur Autonomieentwicklung. Ein Kind, das nie wütend wird, ist möglicherweise zu stark angepasst. Zugleich müssen Eltern ihre Kinder dabei anleiten, mit Wut umzugehen. Kinder kommen nicht mit der Fähigkeit zur Selbstregulation auf die Welt. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Wut „gehalten“ wird. Gemeint ist damit: Ein Erwachsener bleibt innerlich stabil, auch wenn das Kind außer sich ist. Er erschrickt nicht vor der Intensität, sondern hilft, das Gefühl zu benennen und zu begrenzen. Ein häufiger Irrtum ist, dass man Wut entweder unterdrücken oder rauslassen muss. Beides greift zu kurz. Entscheidend ist die Transformation: Dass aus der rohen, oft körperlichen Wut ein Gefühl wird, das verstanden und sprachlich ausgedrückt werden kann. Noch ein Fehler ist es, Kindern nachzugeben, sobald sie einen Wutanfall haben. Tut man das, werden sie schwerlich Frustrationstoleranz entwickeln können. Ein hilfreicher Leitsatz könnte sein: Wut ist erlaubt, aber Verletzung nicht. Das Kind darf wütend sein, laut, intensiv. Aber es braucht einen Erwachsenen, der sagt: Ich halte das aus, und ich setze dir gleichzeitig Grenzen.

BB: Welche Möglichkeiten zur Förderung der sozio-emotionalen Kompetenz gibt es im Vorschulalter?

So viele, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll! Generell gilt: Im Vorschulalter werden die entscheidenden Grundlagen für sozio-emotionale Kompetenz gelegt. Psychoanalytisch gesprochen geht es um den Übergang von rohen Affekten zu verstehbaren, benennbaren inneren Zuständen. Wichtig ist die Affektspiegelung. Kinder lernen Gefühle nicht abstrakt, sondern im Gegenüber. Wenn ein Kind wütend, traurig oder beschämt ist und ein Erwachsener diesen Zustand aufnimmt, in Worte fasst und leicht moduliert zurückgibt, entsteht allmählich ein inneres Vokabular. Eng damit verbunden ist die Förderung von Mentalisierung. Kinder beginnen zu verstehen, dass Verhalten mit inneren Zuständen zusammenhängt. Dass jemand etwas tut, weil er etwas denkt oder fühlt. Das lässt sich im Alltag ständig aufgreifen. Nicht nur beim eigenen Kind, sondern auch bei anderen. „Guck mal, das Kind weint, vielleicht ist es erschrocken.“ Oder: „Was glaubst du, warum sie das Spielzeug nicht teilen will?“ Eine große Rolle spielt das freie, imaginative Spiel. Im Spiel können Kinder innere Konflikte, Wünsche und Ängste ausdrücken, ohne sie direkt benennen zu müssen. Rollenspiele sind hier zentral. Rituale und verlässliche Strukturen sind ein weiterer Baustein. Sie schaffen Vorhersagbarkeit und damit Sicherheit. Das betrifft so einfache Dinge wie wiederkehrende Abläufe beim Essen oder Zubettgehen, aber auch klare, konsistente Regeln im sozialen Miteinander. Konflikte unter Kindern sind keine Störungen, sondern Lerngelegenheiten. Entscheidend ist, wie Erwachsene sie begleiten. Nicht vorschnell lösen, sondern übersetzen. „Du wolltest das Auto haben, und du auch.“ „Ihr seid beide wütend.“ Erst wenn die Perspektiven sichtbar werden, kann ein Kind anfangen, Kompromisse zu entwickeln. So entsteht Schritt für Schritt Frustrationstoleranz.

BB: Wie sehen die idealen Förderbedingungen für die sozio-emotionale Entwicklung der Kinder aus?

Ideale Förderbedingungen entstehen weniger durch einzelne Maßnahmen als durch die Haltung der Erwachsenen. Kinder brauchen ein Gegenüber, das emotional verfügbar ist, Affekte wahrnimmt und spiegelt, ohne sie zu dramatisieren oder abzuwehren, und gleichzeitig verlässlich Grenzen setzt. Genau diese Balance aus Resonanz und Struktur habe ich oben bereits skizziert.

BB: Welche Auswirkungen hätte ein verpflichtendes Vorschuljahr auf die sozio-emotionale Entwicklung von Kindern?

Überaus positive! Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ein verpflichtendes Vorschuljahr in Deutschland unbedingt einführen sollten. In Finnland, wo ich viele Schulen besuchte, haben mir alle Lehrer und Lehrerinnen immer wieder gesagt, dass sie ohne das verpflichtende Vorschuljahr nie so unterrichten könnten, wie sie es tun. Das Vorschuljahr schafft die Grundlage dafür, dass Kinder überhaupt lernfähig im schulischen Sinn werden, weil sie in dieser Zeit zentrale sozio-emotionale Kompetenzen ausbilden. Dazu gehören vor allem Selbstregulation, die Fähigkeit, sich in Gruppen einzufügen, Empathie, Geduld und Konzentration. Viele dieser Fähigkeiten entstehen heute nicht mehr selbstverständlich im Elternhaus, sodass diese vorbereitende Phase eine Lücke schließt, die sonst im Unterricht spürbar wird. Vor diesem Hintergrund wäre ein verpflichtendes Vorschuljahr sehr wichtig.

BB: Welche drei Erkenntnisse aus Ihren Büchern sind für Eltern am überraschendsten oder wichtigsten?

Diese Auswahl würde ich tatsächlich am liebsten den Leserinnen und Lesern selbst überlassen, weil unterschiedliche Menschen ganz Unterschiedliches aus meinen Büchern mitnehmen. Es gibt aber drei Punkte, die mir gegenüber immer wieder genannt werden: Erstens überrascht viele, dass ich hohe Erwartungen als positiv ansehe. Erwartungen haben ja oft einen schlechten Ruf, sie gelten schnell als Druck oder Überforderung. Ich sehe das etwas anders. Hohe Erwartungen sind zunächst einmal eine Form von Zutrauen. Sie signalisieren dem Kind: Ich traue dir Entwicklung zu, ich glaube an deine Möglichkeiten.

Zweitens beschreibe ich soziale und emotionale Fähigkeiten nicht als Zusatz, sondern als Voraussetzung. Sie sind kein „Nice-to-have“, sondern ein „Must-have“, auf dem vieles andere überhaupt erst aufbaut. Kinder, die sich selbst regulieren können, die andere verstehen und in Beziehungen eingehen können, haben eine ganz andere Grundlage für alles weitere Lernen.

Und drittens unterschätzen viele, wie viel sich im Alltag durch kleine Verschiebungen erreichen lässt. Es braucht oft keine großen Programme, sondern einen anderen Blick auf bestehende Situationen. Ein Beispiel ist der Morgenkreis: Kinder erzählen nicht einfach reihum von sich, sondern hören einander zu und berichten anschließend, was ein anderes Kind erlebt hat, möglichst auch, wie es sich dabei gefühlt haben könnte. Mit einer solchen kleinen Variation wird aus einer Routinetätigkeit eine echte Lernsituation für Aufmerksamkeit, Perspektivübernahme und sozio-emotionale Entwicklung.

Die kriegt schon wieder Gefühle!

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Ein weinendes Kleinkind mit tränenüberströmtem Gesicht sitzt schreiend vor einem Schaukelpferd aus Holz.

Es wirkt paradox: Wenn ein Kind geboren wird, erleben seine Eltern vom ersten Moment an dessen intensive Gefühle – Hunger, Angst, Wut, selige Zufriedenheit. Und doch heißt es, dass Kinder in den ersten Lebensjahren Gefühle erst lernen müssen. Wie soll man sich das vorstellen? Und wie kann man Kinder dabei möglichst gut begleiten?

Angeboren, aber unverstanden

Tatsächlich erleben Kinder schon im Mutterleib heftige Emotionen, weil sie über die Nabelschnur quasi mit den Emotionen (beziehungsweise den Hormonen) der Mutter verbunden sind. Nach der Geburt kommen neue Gefühle hinzu. Der Unterschied zu unserer Wahrnehmung von Emotionen ist dabei: Kleine Kinder spüren die gleichen körperlichen Anzeichen, können sie aber nicht einordnen. Sie fühlen, dass es ihnen nicht gut geht, aber sie können nicht unterscheiden, ob das ungute Gefühl mit Hunger, Durst, Müdigkeit, Angst oder Ärger zu tun hat. Logisch ist, dass sie deshalb meist auf die gleiche Art reagieren – mit undifferenziertem Weinen und Schreien.

Es ist auch für Eltern oft unmöglich, die Ursache am Gesicht abzulesen. Der Grund: Auch Gesichtsausdrücke sind Gesten, die der kleine Mensch erst von seiner Umwelt abschauen muss. Und so bleibt dem Kind leider nur das manchmal als anstrengend wahrgenommene böse Gesicht mit lautem Schreien. Über die Spiegelneuronen beginnt das Kind in den ersten Lebensjahren, Emotionen anhand seiner Beobachtung der Mitmenschen zu verstehen. Es findet Gefühlslagen in Gesichtsausdrücken der Eltern, Geschwister und anderen Kinder wieder, die ihm gleichzeitig mit Worten und durch Handlungen erklärt werden. Jetzt entstehen Kategorien für Gefühle: Eine bestimmte Form des Mundes bedeutet wohl Freude, Tränen bedeuten eher Traurigkeit, ein bestimmter Gesichtsausdruck deutet auf Wut hin. Manchmal sind diese Entdeckungen in dieser Zeit so interessant, dass Kinder damit experimentieren: Haue ich Papa oder kneife ich ein anderes Kind, wird er oder es dann wohl diesen Gesichtsausdruck aufsetzen?

Manche Gefühle kann ein Kind bald schon ein wenig gezielt herbeiführen, bei anderen fehlt Kindern jede Steuerungsmöglichkeit. Beispiele dafür sind Angst und Wut. Für sie ist typisch, dass der Körper bzw. das Gehirn eine Art Abwehrreaktion einsetzt und quasi auf Angriff schaltet. Durch diese Adrenalinausschüttung werden Kräfte mobilisiert, die sich in wütenden Körperhaltungen, bösem Gesichtsausdruck und lautem Schreien äußern. Dabei aber fehlt noch die Fähigkeit, das eigene Verhalten in diesem Angriffsmodus zu steuern. Das führt dazu, dass panische und wütende Kinder sich überhaupt nicht einkriegen können – und auch nicht absichtlich wütend werden, um irgendwelche Ziele zu erreichen, wie man es ihnen vielleicht beim Geschrei vor dem Süßigkeitenregal unterstellen mag. Am Beispiel der Wut wird besonders deutlich, welcher Baustein zum Thema Gefühle Kindern bis zur Einschulung meistens fehlt: die Fähigkeit, Gefühle in den Griff zu kriegen.

Damit umgehen können statt unterdrücken

Viele Unterstützungsschritte haben damit zu tun, dass man den Kindern Verständnis für ihren Lernprozess entgegenbringt. Es hilft Kindern nicht, wenn man ihre Gefühle abwertet und ihnen böse Absichten unterstellt. Kinder wollen es richtig machen, und es bestürzt sie, wenn sie von nahestehenden Erwachsenen Vorhaltungen bekommen. Diese Bestürzung führt dazu, dass sie sich hilflos fühlen – und ein Teufelskreis beginnt: Immer, wenn ich wütend, traurig oder albern werde, gibt es Ärger, und ich spüre, dass ich gar nichts dagegen machen kann.

Gut ist hingegen, sich mit den Kindern zusammen heftige und unklare Gefühle interessiert zu betrachten: Was ist das für ein Gefühl? Und wie kann man gut damit umgehen?

Folgende Tipps können helfen, die Kinder gut durch heftige und diffuse Gefühlslagen zu begleiten.

  1. Fragen Sie nicht: Warum hast du das getan? Warum hat Fridolin im friedlichen Spiel plötzlich Nora die Holzeisenbahnschiene an den Kopf gehauen? Fragt man das Kind selbst, wird man keine Antwort bekommen, denn vermutlich wurde Fridolin von seinem Gefühl überrannt, sodass er es selbst nicht erklären kann. Daher ist es sinnlos, mit moralischem Tadel zu reagieren. Was jetzt hilft: Geben Sie dem Kind Zeit, um aus einem Gefühl herauszukommen – zum Beispiel durch Raumwechsel, Ablenkung und neue Reize: „Mal was trinken?“
  2. Sprechen Sie mit dem Kind indirekt und mit Abstand über heftige Gefühle. „Was du verkehrt gemacht hast, Fridolin…“ Nein, ein solches Gespräch wäre unmittelbar nach dem Vorfall ungünstig. Will man mit Kindern über Gefühle sprechen, funktioniert das nur, wenn sie nicht gerade von heftigen Gefühlen überwältigt sind. Sehr schwer fällt es Kindern auch, das eigene Verhalten zu betrachten, als würde man sich selbst zusehen – für eine solche Denkweise braucht man die Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren. Kindern fällt es leichter, eigene Gefühle zu verstehen, wenn sie sie bei anderen sehen. Deshalb helfen Geschichten oder Rollenspiele mit Kuscheltieren: So können sie Gefühle und deren Folgen mit etwas Abstand beobachten und die Erkenntnisse später auf sich übertragen.
  3. Führen Sie Ihre heftigen Gefühle und Ihre Strategien vor. Erwachsene haben Strategien entwickelt, um starke Gefühle zu bewältigen. Kinder lernen davon, wenn man diese offen vorlebt und erklärt, etwa: „Ich bin gerade sehr wütend und atme erst mal tief durch.“ Erklären Sie, wie Sie selbst die Fassung verloren und sich beruhigt haben: „Gestern hatte ich auf dem Heimweg Panik – aber Summen und an dich denken hat geholfen.“ So lernen Kinder: Auch Erwachsene haben starke Gefühle, und man kann etwas tun, um sie zu bewältigen.
  4. Bleiben Sie gelassen! Die Angst, dass das eigene Kind Nachteile haben könnte, belastet viele Eltern. Deshalb handeln auch Erwachsene bei starken Gefühlen oft unüberlegt. Wichtig ist: Es gibt keinen Zeitdruck. Wut, Trauer oder Albernheit müssen nicht sofort kontrolliert werden. Solche Situationen sind Übungsmöglichkeiten, um gemeinsam zu lernen, mit Gefühlen gut umzugehen.
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Illustriertes Magazincover „Bananenblau – Gefühlsstark“: Kinderzeichnung eines blauen Fabelwesens mit traurigem Gesicht auf dunkelblauem Hintergrund, Titel „Gefühlsstark – Wut, Frust und Tränen von Kindern verstehen und begleiten“, Ausgabe Nr. 1/2026.

Gefühlsstark Wut, Frust und Tränen von Kindern verstehen und begleiten

Kinder werden von Gefühlen manchmal überwältigt – sie schreien, weinen, stampfen oder ziehen sich zurück. Diese Ausgabe zeigt: Emotionale Ausbrüche gehören zur Entwicklung dazu und sind kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft.

Wir schauen darauf, warum Wut, Trauer und Frust in verschiedenen Altersphasen entstehen, was dabei im Gehirn und in der sozialen Entwicklung von Kindern passiert – und wie Eltern und Fachkräfte in schwierigen Momenten unterstützend reagieren können.

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Autorin Verena Friederike Hasel erklärt im Interview, warum Wut eine wichtige Emotion in der kindlichen Entwicklung ist – und wie Eltern ihre Kinder einfühlsam auf dem Weg zu mehr sozial-emotionaler Kompetenz begleiten.
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