Wie Kinder sozio-emotionale Kompetenz entwickeln
Wahrscheinlich haben die meisten Eltern ihr Kind schon einmal mitten in einem Wutausbruch erlebt – und sich dabei hilflos gefühlt. Verena Friederike Hasel erklärt, warum Wut eine wichtige Emotion in der kindlichen Entwicklung ist. Mit anschaulichen Alltagstipps zeigt sie, wie Eltern ihre Kinder auf dem Weg von unkontrollierter Wut hin zu sozial-emotionaler Kompetenz einfühlsam begleiten können.
BANANENBLAU: Was müssen Eltern über die Emotion Wut wissen?
Wut macht vielen Eltern Angst. Oft will man Wut auf Seiten von Kindern vermeiden. Ich finde es wichtig, die vitale Seite von Wut zu sehen. Wut mobilisiert, richtet ein Kind auf, hilft ihm, sich abzugrenzen. Wut gehört damit zur Autonomieentwicklung. Ein Kind, das nie wütend wird, ist möglicherweise zu stark angepasst. Zugleich müssen Eltern ihre Kinder dabei anleiten, mit Wut umzugehen. Kinder kommen nicht mit der Fähigkeit zur Selbstregulation auf die Welt. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Wut „gehalten“ wird. Gemeint ist damit: Ein Erwachsener bleibt innerlich stabil, auch wenn das Kind außer sich ist. Er erschrickt nicht vor der Intensität, sondern hilft, das Gefühl zu benennen und zu begrenzen. Ein häufiger Irrtum ist, dass man Wut entweder unterdrücken oder rauslassen muss. Beides greift zu kurz. Entscheidend ist die Transformation: Dass aus der rohen, oft körperlichen Wut ein Gefühl wird, das verstanden und sprachlich ausgedrückt werden kann. Noch ein Fehler ist es, Kindern nachzugeben, sobald sie einen Wutanfall haben. Tut man das, werden sie schwerlich Frustrationstoleranz entwickeln können. Ein hilfreicher Leitsatz könnte sein: Wut ist erlaubt, aber Verletzung nicht. Das Kind darf wütend sein, laut, intensiv. Aber es braucht einen Erwachsenen, der sagt: Ich halte das aus, und ich setze dir gleichzeitig Grenzen.
BB: Welche Möglichkeiten zur Förderung der sozio-emotionalen Kompetenz gibt es im Vorschulalter?
So viele, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll! Generell gilt: Im Vorschulalter werden die entscheidenden Grundlagen für sozio-emotionale Kompetenz gelegt. Psychoanalytisch gesprochen geht es um den Übergang von rohen Affekten zu verstehbaren, benennbaren inneren Zuständen. Wichtig ist die Affektspiegelung. Kinder lernen Gefühle nicht abstrakt, sondern im Gegenüber. Wenn ein Kind wütend, traurig oder beschämt ist und ein Erwachsener diesen Zustand aufnimmt, in Worte fasst und leicht moduliert zurückgibt, entsteht allmählich ein inneres Vokabular. Eng damit verbunden ist die Förderung von Mentalisierung. Kinder beginnen zu verstehen, dass Verhalten mit inneren Zuständen zusammenhängt. Dass jemand etwas tut, weil er etwas denkt oder fühlt. Das lässt sich im Alltag ständig aufgreifen. Nicht nur beim eigenen Kind, sondern auch bei anderen. „Guck mal, das Kind weint, vielleicht ist es erschrocken.“ Oder: „Was glaubst du, warum sie das Spielzeug nicht teilen will?“ Eine große Rolle spielt das freie, imaginative Spiel. Im Spiel können Kinder innere Konflikte, Wünsche und Ängste ausdrücken, ohne sie direkt benennen zu müssen. Rollenspiele sind hier zentral. Rituale und verlässliche Strukturen sind ein weiterer Baustein. Sie schaffen Vorhersagbarkeit und damit Sicherheit. Das betrifft so einfache Dinge wie wiederkehrende Abläufe beim Essen oder Zubettgehen, aber auch klare, konsistente Regeln im sozialen Miteinander. Konflikte unter Kindern sind keine Störungen, sondern Lerngelegenheiten. Entscheidend ist, wie Erwachsene sie begleiten. Nicht vorschnell lösen, sondern übersetzen. „Du wolltest das Auto haben, und du auch.“ „Ihr seid beide wütend.“ Erst wenn die Perspektiven sichtbar werden, kann ein Kind anfangen, Kompromisse zu entwickeln. So entsteht Schritt für Schritt Frustrationstoleranz.
BB: Wie sehen die idealen Förderbedingungen für die sozio-emotionale Entwicklung der Kinder aus?
Ideale Förderbedingungen entstehen weniger durch einzelne Maßnahmen als durch die Haltung der Erwachsenen. Kinder brauchen ein Gegenüber, das emotional verfügbar ist, Affekte wahrnimmt und spiegelt, ohne sie zu dramatisieren oder abzuwehren, und gleichzeitig verlässlich Grenzen setzt. Genau diese Balance aus Resonanz und Struktur habe ich oben bereits skizziert.
BB: Welche Auswirkungen hätte ein verpflichtendes Vorschuljahr auf die sozio-emotionale Entwicklung von Kindern?
Überaus positive! Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ein verpflichtendes Vorschuljahr in Deutschland unbedingt einführen sollten. In Finnland, wo ich viele Schulen besuchte, haben mir alle Lehrer und Lehrerinnen immer wieder gesagt, dass sie ohne das verpflichtende Vorschuljahr nie so unterrichten könnten, wie sie es tun. Das Vorschuljahr schafft die Grundlage dafür, dass Kinder überhaupt lernfähig im schulischen Sinn werden, weil sie in dieser Zeit zentrale sozio-emotionale Kompetenzen ausbilden. Dazu gehören vor allem Selbstregulation, die Fähigkeit, sich in Gruppen einzufügen, Empathie, Geduld und Konzentration. Viele dieser Fähigkeiten entstehen heute nicht mehr selbstverständlich im Elternhaus, sodass diese vorbereitende Phase eine Lücke schließt, die sonst im Unterricht spürbar wird. Vor diesem Hintergrund wäre ein verpflichtendes Vorschuljahr sehr wichtig.
BB: Welche drei Erkenntnisse aus Ihren Büchern sind für Eltern am überraschendsten oder wichtigsten?
Diese Auswahl würde ich tatsächlich am liebsten den Leserinnen und Lesern selbst überlassen, weil unterschiedliche Menschen ganz Unterschiedliches aus meinen Büchern mitnehmen. Es gibt aber drei Punkte, die mir gegenüber immer wieder genannt werden: Erstens überrascht viele, dass ich hohe Erwartungen als positiv ansehe. Erwartungen haben ja oft einen schlechten Ruf, sie gelten schnell als Druck oder Überforderung. Ich sehe das etwas anders. Hohe Erwartungen sind zunächst einmal eine Form von Zutrauen. Sie signalisieren dem Kind: Ich traue dir Entwicklung zu, ich glaube an deine Möglichkeiten.
Zweitens beschreibe ich soziale und emotionale Fähigkeiten nicht als Zusatz, sondern als Voraussetzung. Sie sind kein „Nice-to-have“, sondern ein „Must-have“, auf dem vieles andere überhaupt erst aufbaut. Kinder, die sich selbst regulieren können, die andere verstehen und in Beziehungen eingehen können, haben eine ganz andere Grundlage für alles weitere Lernen.
Und drittens unterschätzen viele, wie viel sich im Alltag durch kleine Verschiebungen erreichen lässt. Es braucht oft keine großen Programme, sondern einen anderen Blick auf bestehende Situationen. Ein Beispiel ist der Morgenkreis: Kinder erzählen nicht einfach reihum von sich, sondern hören einander zu und berichten anschließend, was ein anderes Kind erlebt hat, möglichst auch, wie es sich dabei gefühlt haben könnte. Mit einer solchen kleinen Variation wird aus einer Routinetätigkeit eine echte Lernsituation für Aufmerksamkeit, Perspektivübernahme und sozio-emotionale Entwicklung.