Die kriegt schon wieder Gefühle!

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Ein weinendes Kleinkind mit tränenüberströmtem Gesicht sitzt schreiend vor einem Schaukelpferd aus Holz.

Es wirkt paradox: Wenn ein Kind geboren wird, erleben seine Eltern vom ersten Moment an dessen intensive Gefühle – Hunger, Angst, Wut, selige Zufriedenheit. Und doch heißt es, dass Kinder in den ersten Lebensjahren Gefühle erst lernen müssen. Wie soll man sich das vorstellen? Und wie kann man Kinder dabei möglichst gut begleiten?

Angeboren, aber unverstanden

Tatsächlich erleben Kinder schon im Mutterleib heftige Emotionen, weil sie über die Nabelschnur quasi mit den Emotionen (beziehungsweise den Hormonen) der Mutter verbunden sind. Nach der Geburt kommen neue Gefühle hinzu. Der Unterschied zu unserer Wahrnehmung von Emotionen ist dabei: Kleine Kinder spüren die gleichen körperlichen Anzeichen, können sie aber nicht einordnen. Sie fühlen, dass es ihnen nicht gut geht, aber sie können nicht unterscheiden, ob das ungute Gefühl mit Hunger, Durst, Müdigkeit, Angst oder Ärger zu tun hat. Logisch ist, dass sie deshalb meist auf die gleiche Art reagieren – mit undifferenziertem Weinen und Schreien.

Es ist auch für Eltern oft unmöglich, die Ursache am Gesicht abzulesen. Der Grund: Auch Gesichtsausdrücke sind Gesten, die der kleine Mensch erst von seiner Umwelt abschauen muss. Und so bleibt dem Kind leider nur das manchmal als anstrengend wahrgenommene böse Gesicht mit lautem Schreien. Über die Spiegelneuronen beginnt das Kind in den ersten Lebensjahren, Emotionen anhand seiner Beobachtung der Mitmenschen zu verstehen. Es findet Gefühlslagen in Gesichtsausdrücken der Eltern, Geschwister und anderen Kinder wieder, die ihm gleichzeitig mit Worten und durch Handlungen erklärt werden. Jetzt entstehen Kategorien für Gefühle: Eine bestimmte Form des Mundes bedeutet wohl Freude, Tränen bedeuten eher Traurigkeit, ein bestimmter Gesichtsausdruck deutet auf Wut hin. Manchmal sind diese Entdeckungen in dieser Zeit so interessant, dass Kinder damit experimentieren: Haue ich Papa oder kneife ich ein anderes Kind, wird er oder es dann wohl diesen Gesichtsausdruck aufsetzen?

Manche Gefühle kann ein Kind bald schon ein wenig gezielt herbeiführen, bei anderen fehlt Kindern jede Steuerungsmöglichkeit. Beispiele dafür sind Angst und Wut. Für sie ist typisch, dass der Körper bzw. das Gehirn eine Art Abwehrreaktion einsetzt und quasi auf Angriff schaltet. Durch diese Adrenalinausschüttung werden Kräfte mobilisiert, die sich in wütenden Körperhaltungen, bösem Gesichtsausdruck und lautem Schreien äußern. Dabei aber fehlt noch die Fähigkeit, das eigene Verhalten in diesem Angriffsmodus zu steuern. Das führt dazu, dass panische und wütende Kinder sich überhaupt nicht einkriegen können – und auch nicht absichtlich wütend werden, um irgendwelche Ziele zu erreichen, wie man es ihnen vielleicht beim Geschrei vor dem Süßigkeitenregal unterstellen mag. Am Beispiel der Wut wird besonders deutlich, welcher Baustein zum Thema Gefühle Kindern bis zur Einschulung meistens fehlt: die Fähigkeit, Gefühle in den Griff zu kriegen.

Damit umgehen können statt unterdrücken

Viele Unterstützungsschritte haben damit zu tun, dass man den Kindern Verständnis für ihren Lernprozess entgegenbringt. Es hilft Kindern nicht, wenn man ihre Gefühle abwertet und ihnen böse Absichten unterstellt. Kinder wollen es richtig machen, und es bestürzt sie, wenn sie von nahestehenden Erwachsenen Vorhaltungen bekommen. Diese Bestürzung führt dazu, dass sie sich hilflos fühlen – und ein Teufelskreis beginnt: Immer, wenn ich wütend, traurig oder albern werde, gibt es Ärger, und ich spüre, dass ich gar nichts dagegen machen kann.

Gut ist hingegen, sich mit den Kindern zusammen heftige und unklare Gefühle interessiert zu betrachten: Was ist das für ein Gefühl? Und wie kann man gut damit umgehen?

Folgende Tipps können helfen, die Kinder gut durch heftige und diffuse Gefühlslagen zu begleiten.

  1. Fragen Sie nicht: Warum hast du das getan? Warum hat Fridolin im friedlichen Spiel plötzlich Nora die Holzeisenbahnschiene an den Kopf gehauen? Fragt man das Kind selbst, wird man keine Antwort bekommen, denn vermutlich wurde Fridolin von seinem Gefühl überrannt, sodass er es selbst nicht erklären kann. Daher ist es sinnlos, mit moralischem Tadel zu reagieren. Was jetzt hilft: Geben Sie dem Kind Zeit, um aus einem Gefühl herauszukommen – zum Beispiel durch Raumwechsel, Ablenkung und neue Reize: „Mal was trinken?“
  2. Sprechen Sie mit dem Kind indirekt und mit Abstand über heftige Gefühle. „Was du verkehrt gemacht hast, Fridolin…“ Nein, ein solches Gespräch wäre unmittelbar nach dem Vorfall ungünstig. Will man mit Kindern über Gefühle sprechen, funktioniert das nur, wenn sie nicht gerade von heftigen Gefühlen überwältigt sind. Sehr schwer fällt es Kindern auch, das eigene Verhalten zu betrachten, als würde man sich selbst zusehen – für eine solche Denkweise braucht man die Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren. Kindern fällt es leichter, eigene Gefühle zu verstehen, wenn sie sie bei anderen sehen. Deshalb helfen Geschichten oder Rollenspiele mit Kuscheltieren: So können sie Gefühle und deren Folgen mit etwas Abstand beobachten und die Erkenntnisse später auf sich übertragen.
  3. Führen Sie Ihre heftigen Gefühle und Ihre Strategien vor. Erwachsene haben Strategien entwickelt, um starke Gefühle zu bewältigen. Kinder lernen davon, wenn man diese offen vorlebt und erklärt, etwa: „Ich bin gerade sehr wütend und atme erst mal tief durch.“ Erklären Sie, wie Sie selbst die Fassung verloren und sich beruhigt haben: „Gestern hatte ich auf dem Heimweg Panik – aber Summen und an dich denken hat geholfen.“ So lernen Kinder: Auch Erwachsene haben starke Gefühle, und man kann etwas tun, um sie zu bewältigen.
  4. Bleiben Sie gelassen! Die Angst, dass das eigene Kind Nachteile haben könnte, belastet viele Eltern. Deshalb handeln auch Erwachsene bei starken Gefühlen oft unüberlegt. Wichtig ist: Es gibt keinen Zeitdruck. Wut, Trauer oder Albernheit müssen nicht sofort kontrolliert werden. Solche Situationen sind Übungsmöglichkeiten, um gemeinsam zu lernen, mit Gefühlen gut umzugehen.